Das virtuelle Leben der Mapuche. Eine Fallstudie von Mapuche-Internetseiten
Nicolas Sternsdorff
Übersetzung: Christine Berberich Das Internet hat tiefe Wurzeln in unserem Leben geschlagen. Dies gilt nicht nur für “its urban and first world (...), masculine and white (English speaking users)”. In diesem Artikel möchte ich untersuchen, auf welche Weise das indigene Volk der Mapuche sich auf diese neue Technologie einlässt, wie sie sie benutzt und interpretiert.
Bearbeitung: Julia DiemerTheoretischer Hintergrund
Über das Internet und seine verschiedenen Auswirkungen auf unser Leben ist sehr viel geschrieben worden. Einerseits kann man das Internet für den Vorboten einer “global citizenship”, einer globalen Gesellschaft ohne Grenzen halten. Andererseits finden sich jedoch auch Studien, die zeigen, wie wir in der angeblich freien Internet-Umwelt soziale Begrenzungen reproduzieren. In diesem Artikel werde ich meine Analyse mit Hilfe des von Slater und Miller (2000) vorgestellten theoretischen Rahmens gestalten. Dieser Ansatz geht davon aus, dass das Internet vor allem die Leute sind, die es nutzen. Das Internet ist keine abgegrenzte Einheit; letztendlich wird das, was das Internet ist, von den einzelnen Surfern zusammengesetzt, die vor ihren Computern sitzen. Deswegen beleuchtet dieser Ansatz die verschiedenen Dynamiken, die in der Beziehung der Menschen zum Internet eine Rolle spielen.
1. Dynamik der Objektivierung
An dieser Dynamik wollen wir untersuchen, wie Menschen durch das Internet erkennen können, wer sie wirklich sind. Zurecht betonen die Autoren, dass wir keine inhärente Identität haben, die im Netz repräsentiert würde. Wir schaffen unsere Identität durch die Art unserer Beziehung zum Internet.
2. Dynamik der Vermittlung
Aus dieser Sichtweise befassen wir uns damit, wie wir “unser” Internet verstehen und zusammensetzen. Hier geht es darum, dass die Art, wie wir es nutzen, höchst personalisiert ist.
3. Dynamiken normativer Freiheit
Das Internet hat “both produced new freedoms (of information and of speech) and has come to stand as a symbol of potential freedoms”(neue Freiheiten der Information und der Rede produziert, und ist zugleich zu einem Symbol für potentielle Freiheiten geworden; Miller / Slater 2000). Die Vorstellung von normativer Freiheit versucht uns zu vermitteln, dass es in der Wirklichkeit keine wirkliche Freiheit im Netz gibt. Wir haben seine Nutzung und seine Möglichkeiten durch verschiedene Mittel zu regulieren versucht. Studien haben auch gezeigt, dass wir dabei sind, bestehende soziale Regeln in unseren ‚virtuellen Beziehungen’ wieder zu schaffen (Slater 1998).
4. Dynamik der Positionierung
Hier beschäftigen wir uns damit, wie wir uns selbst in der weiteren Welt verorten. Das Internet destabilisiert die Territorienbildung. (Froehling 1997). Das Netz hat uns die Gelegenheit gegeben, uns selbst nicht nur unter den Bedingungen unserer lokalen Gemeinschaften zu denken, sondern auch als globale Akteure/Akteurinnen. Dies bringt uns zum Nachdenken, welche Rolle wir auf einer globalen Ebene spielen, und wie wir unseren Platz darin darstellen und abbilden.
Bemerkung zur Methodologie
In dieser Studie habe ich mich bewußt entschieden, nur Webseiten zu untersuchen. Ich wollte die Selbstdarstellung der Mapuche im Internet als eine von ihrem Alltagsleben getrennte Realität untersuchen. Ich befasste mich nicht damit, wie die Mapuche über das Internet und ihre Selbstdarstellung darin denken. Ich verwendete nur das, was sie uns ihrer Entscheidung gemäß zeigen wollen. Ich interessiere mich dafür zu sehen, was für ein Gefühl ich davon bekomme, was es heißt, Mapuche zu sein, wenn ich nur Webseiten anschaue – was die meisten Leute tun würden, wenn sie nicht in der Lage sind, nach Chile zu reisen. Dieser Ansatz bringt natürlich viele Begrenzungen mit sich, und ich möchte nicht so tun, als hätte ich durch die Betrachtung der Selbstdarstellungen der Mapuche im Netz eine umfassende Antwort auf die Frage nach ihrer Identität bekommen. Dennoch kann diese Studie andere Studien “realer Wirklichkeit” ergänzen, um eine vollständigere Erklärung zu geben, was es sowohl in der virtuellen als auch in der realen Welt heißt, Mapuche zu sein. Aus methodologischer Sicht war mein Vorgehen ziemlich einfach. Ich begann damit, das Wort Mapuche in eine Suchmaschine zu tippen, und etwa 2440 Treffer erschienen (ich verwendete Yahoo). Von dort aus begann ich mir einige Seiten anzusehen und folgte ihren Links zu einer praktisch endlosen Liste damit verbundener Seiten.
Das virtuelle Leben der Mapuche
Nachdem wir jetzt eine Vorstellung von dem theoretischen Ansatz haben, den wir in dieser Studie verwenden wollen, möchte ich die virtuelle Realität der Mapuche innerhalb dieser Parameter interpretieren.
Dynamik der Objektivierung
Das Volk der Mapuche hat eine einzigartige Geschichte, die es von jedem anderen indigenen Volk Lateinamerikas unterscheidet: Die Spanier haben sie nie erobert. Diese Tatsache erscheint auf fast jeder Seite, mit der ich mich beschäftigte, und sie scheint fast ein Eckstein ihrer Identität zu sein. Ihr Name als Volk sagt uns ebenfalls viel darüber, wer sie sind. Mapu bedeutet Land und che bedeutet Volk, also bedeutet Mapuche Volk des Landes. Dies trifft weitgehend zu für ihre traditionellen Lebensformen im südlichen Teil Chiles. Heutzutage lebt allerdings ein bedeutender Teil der Mapuche in städtischen Zentren, wohin die Menschen in den 1930er Jahren in großer Zahl abzuwandern begannen. 1992 lebten laut Volkszählung 44% der Mapuche-Bevölkerung in Santiago, der Hauptstadt Chiles (Ancan 1997). Viele von ihnen sprechen ihre traditionelle Sprache, Mapudungun, nicht mehr, und sind meistens Teil einer arbeitenden Unterschicht in den städtischen Zentren geworden. Es ist wichtig, die Tatsache hervorzuheben, dass die Mapuche mit andauerndem Rassismus von Seiten der Mestizen und/oder der Oberschicht konfrontiert gewesen sind, und dass deswegen viele von ihnen die Unterdrückung ihrer eigenen kulturellen Praktiken, wie ihre Sprache, die sie deutlich vom Rest unterscheiden würden, als Überlebensstrategie benutzt haben. (Lincolao 1980). Dennoch habe ich in ihren Internet-Selbstdarstellungen kaum Verweise auf ihre städtische Existenz gefunden, außer einer ausschließlich den städtischen Mapuche gewidmeten Seite und hier und da einigen Artikeln über die spezifischen Probleme des Stadtlebens. Die meisten Verweise bezogen sich auf die traditionelle Lebensweise in den ländlichen Gegenden. In gewisser Weise hatte ich das Gefühl, dass das als das “echte” Leben der Mapuche abgebildet wurde, während ihre städtische Existenz kaum erwähnt wird. Ich würde vermuten, dass die Mapuche im Internet den “idealen” Mapuche präsentieren. Den, der sie einmal waren und wieder werden sollten. Auf den meisten Internetseiten wird eine Sparte “Kunst und Kultur” besonders hervorgehoben, wo der Surfer Geschichten, Tänze, Essen, Kosmologie und andere Aspekte der “echten” Mapuche findet. Ein sehr wichtiger Aspekt auf diesem Gebiet ist ihre Sprache. Ich fand auf fast jeder Webseite irgendeinen Verweis auf Mapudungun. Viele Seiten hatten Spanisch-Mapudungun-Wörterbücher oder kurze Erklärungen seiner Struktur. Viele dieser Studien stammen von Linguisten. Es gibt eine ganze von Stanford unterhaltene Webseite, die einzig dem Mapudungun gewidmet ist. Dennoch wird der Surfer kaum Mapudungun-Texte im Internet finden. Diese Betonung der Sprache zeigt uns, dass es ein wichtiger Teil davon ist, ein “echter Mapuche” zu sein, Mapudungun zu sprechen. Da nur wenige Mapuche Zugang zum Internet haben, nehme ich an, dass das Internet keine wesentliche Rolle im andauernden Prozess der Redefinition des Volkes selbst spielt. Es wird aber sicher das Bild des Internet-Surfers davon beeinflussen, was es heißt, Mapuche zu sein. Ich würde behaupten, dass die Mapuche, indem sie ihre Kultur auf eine bestimmte Weise abbilden, ihre eigene Identität und ihre Vorstellung, wer sie wirklich sind, in den Augen des anderen bestärken. Als Aktivist für indigene Rechte zum Beispiel werde ich ein klares Bild davon haben, was die Mapuche zu sein glauben, und wenn es mir möglich ist, werde ich sie bei dieser Suche unterstützen.Daran können wir sehen, wie die Mapuche das Internet zu ihrem Vorteil genutzt haben im Sinne einer expansiven Realisierung – also der Darstellung, wer sie sind, oder genauer wer sie zu sein wissen. Im Sinne von expansivem Potential – also dem Ziel, wer oder wie sie sein und leben möchten, stellte ich fest, dass dieser Aspekt vor allem mit dem geo-politischen Kampf zusammenhängt, in den sie im Moment mit der chilenischen Regierung verwickelt sind. Ein wesentlicher Teil der Webseiten, die ich besuchte, waren diesem Kampf gewidmet. In ihnen wurde in vielen Artikeln ihre Position gegenüber der chilenischen Regierung erklärt und dargelegt, warum sie glauben, einen legitimen Anspruch auf ihre Forderungen, hauptsächlich Land, zu haben. An diesem Punkt überschneiden sich sowohl die Darstellung dessen, was es heißt Mapuche zu sein (in dem Sinne, dass eine Rückgabe dieser Ländereien mit der Rückkehr zu einem traditionellen Lebensstil verbunden sein könnte), als auch die Zielvorstellung ihres Lebens, für die die Mapuche kämpfen.
Dynamik der Vermittlung
In diesem Ansatz schauen wir darauf, wie die Mapuche ihre Webseiten zusammengesetzt haben. Wie ich bereits im vorhergehenden Abschnitt besprochen habe, ist Internetnutzung unter den Mapuche nicht sehr verbreitet. Aufgrund dessen würde ich die Meinung vertreten, dass die Zusammensetzung ihres Internets nicht auf eine endogame, sondern eher auf eine exogame Weise erfolgt.1) Die Tatsache, dass viele Seiten englische Fassungen haben und dass manche europäische Sprachen wie Niederländisch oder Deutsch einbeziehen, spiegelt diese exogame Einstellung wider. Es ist wichtig festzuhalten, dass ich an keiner Stelle eine Seite mit einer vollständigen Mapudungun-Fassung gefunden habe. Ich konnte auch keinen Mapuche-Chat finden, und ich stieß nur auf ein interaktives Forum, und das war nicht sehr aktiv. E-mail-Listen waren allerdings verbreiteter, und ich fand zwei. Dennoch ist eine E-mail-Liste nicht notwendigerweise ein auf die Mapuche ausgerichtetes Hilfsmittel. Sie kann sowohl auf endogame als auch auf exogame Weise funktionieren.
Dynamik normativer Freiheit
Das Volk der Mapuche steht in einem offenen Konflikt mit der chilenischen Regierung. Es gibt massive Proteste, Landbesetzungen, Hungerstreiks und viele andere Protestformen. Die Beziehung zum Staat hat viele Höhen und Tiefen durchlaufen; direkter Konflikt mit der Polizei fehlte nicht. Mitten in einem Konflikt wäre es sehr leicht, das Internet, ein Medium, in dem die Grenzen der Freiheit noch nicht klar definiert worden sind, auf eine sehr chaotische und fast aggressive Weise zu nutzen, was zum Beispiel bei vielen pro-palästinensischen Seiten der Fall ist. Die Mapuche fallen auf ihren Webseiten jedoch nicht in einen offen aggressiven oder konfrontativen Diskurs. Sicherlich präsentieren sie ihren Kampf im Internet und veröffentlichen verschiedene Artikel bezogen auf Themen wie interethnische Beziehungen und der Staat, die Unterdrückung ihrer Kultur, Polizeigewalt, usw., und auch lange Listen von Nachrichten, die ihren Konflikt mit dem Staat zeigen. Dennoch geschieht dies auf sehr geordnete Weise, mit ordentlichen Links und sehr guter Präsentation. Die meisten Nachrichten, Mitteilungen oder Artikel haben eine kurze Zusammenfassung, die die Auswahl, was man lesen will, sehr erleichtert, da die Menge des Materials fast grenzenlos ist. Man könnte sicherlich Monate damit verbringen, alle Aufsätze und Nachrichten zu lesen, die in manchen Webseiten eingestellt sind. Das zeigt, dass die Mapuche in ihrer virtuellen Existenz erneut soziale Normen schaffen, die ihren Kampf in gewisser Weise legitimieren. Ich stieß nie auf eine Seite, die als Überschrift so etwas wie “tötet die Chilenen” oder gewalttätige Bilder ihres Kampfes gehabt hätte. Gewalt ist sicherlich ein Teil davon, aber sie stellen sie auf eine sehr kontrollierte Weise dar. Ich fand es in dieser Hinsicht sehr interessant, dass die chilenische Regierung auf ihrer offiziellen Website keinerlei Verweise auf die Mapuche und ihre Forderungen gibt. Andere Staaten, wie der mexikanische, haben sich mit revolutionären Gruppen aktiv auf etwas eingelassen, was “ein Krieg mit Tinte und Internet” genannt worden ist. (Froehling 1997). Man könnte auch argumentieren, dass diese Art, ihre Ansichten über den Konflikt darzustellen, das in den “Kunst und Kultur”-Links ihrer Seiten gezeigte Bild schützt, die meistens friedliche Menschen darstellen. Eine zweite Sichtweise dieses Befunds geht von der Perspektive der Legitimität aus. Darauf werde ich hier aber nicht sofort eingehen, weil ich mich mit dieser Frage später ausführlicher befassen werde.
Dynamik der Positionierung
Ich hatte das Gefühl, dass, wenn es einen Punkt gibt, der die Realität der Mapuche wesentlich beeinflußt, es dieser ist. Das Internet hat es nicht nur den Mapuche, sondern auch vielen anderen indigenen Gruppen überall auf der Welt ermöglicht, sich an einem kollektiven Kampf für indigene Rechte zu beteiligen. Dies wirkt sich ziemlich tiefgehend auf die Weise aus, wie sie sich selbst und andere sehen, weil man sich nicht als Einzelkämpfer fühlt, sondern als Mitglied einer größeren Bewegung, wo Möglichkeiten für Unterstützung und Verständigung auftauchen. Beispiele dafür, wie die Mapuche anfangen, sich als ‚global players’ zu sehen, gibt es viele und recht unterschiedliche. Der erste und offensichtlichste Hinweis, dass sie sich als Teil einer größeren internationalen Bewegung bewußt sind, ist die Tatsache, dass ihre Webseiten in verschiedenen Sprachen verfaßt sind. Ich stieß auf Fassungen in Spanisch, Englisch, Niederländisch, Deutsch, Französisch und einige Artikel in Schwedisch. Das läßt auch darauf schließen, wer ihre Seiten liest. Menschen im Norden unterstützen zunehmend indigene Rechte und sind bereit, diesen Angelegenheiten einen Teil ihrer Zeit zu widmen. Daher ist das Zugänglichmachen des Materials eine sehr gute Strategie, ihre Unterstützung zu gewinnen. Entsprechend dieser Vorstellung von Unterstützung bekommt man von ihren Seiten den Eindruck, dass sie wissen, dass internationale Unterstützung wichtig ist, sowohl im Sinne von Finanzierung als auch von Lobby-Arbeit. Auf vielen Websites fand ich Sparten, wo man für das Anliegen spenden konnte, Musterbriefe, die sowohl an die argentinische als auch an die chilenische Regierung geschickt werden sollten, Organisationen, mit denen man Kontakt aufnehmen kann, um sich zu engagieren, usw. Auf einigen Seiten kann der Surfer auch virtuelle Läden finden, wo man Handwerkserzeugnisse und Kleidung der Mapuche kaufen kann. In die gleiche Richtung gehen einige internationale Dokumente, die ihrem Anliegen den Rücken stärken. Wiederholt fand ich UN-Deklarationen oder Stellungnahmen internationaler Körperschaften (wie z. B. der organizacion de naciones y pueblos no representados (UNPO)) zu indigenen Rechten, die auch ihre Unterstützung für ihr Anliegen ausdrücken. Ich fand Resolutionen, die von der Europäischen Union verabschiedet waren, Dokumente, die der Abteilung für Menschenrechte der UN und der UN-Abteilung für indigene Angelegenheiten vorgelegt worden waren. Dies zeigt, dass die Mapuche ihren Konflikt nicht als auf die Grenzen des chilenischen Staates beschränkt verstehen. Sie sind sich der internationalen Institutionen und Medien sehr bewußt, an die sie um Unterstützung appellieren können, und aus den auf ihren Websites veröffentlichten Dokumenten bekommt man den Eindruck, dass sie sie recht umfassend nutzen. Diese neue globale Dimension ist auch in den Unterstützungsbriefen an andere indigene Gruppen zu beobachten, die auf ihren Seiten veröffentlicht sind. Es gibt Briefe, die den Kampf der Zapatista-Revolution in Mexico unterstützen oder erklären, des Saami-Volkes in Skandinavien, australischer Aborigenee-Gruppen, und allgemeiner Artikel zu neoliberaler Ökonomie, multi-ethnischen Staaten und den Beziehungen zwischen Staat und indigener Bevölkerung. Dieser Aspekt ihrer Webseiten scheint entscheidend zu sein, da sie gesteigerte Unterstützung aus Quellen von außerhalb bekommen können, und anscheinend ist ihnen deren Existenz sehr bewußt. Es gibt allerdings eine Webseite, die wir als teilweise Ausnahme von dem sehen könnten, was wir bisher besprochen haben. Dies ist eine Seite, die sich “Städtische Mapuche” nennt. Es ist eine Seite von Mapuche, die in Santiago leben und aus verschiedenen Gründen die Verbindung zu ihrer angestammten Kultur verloren haben. Die Organisation bietet Workshops für Mapudungun, Tanz, Kochen und Computer an und beherbergt auch monatliche Treffen, Filmnächte und andere Aktivitäten, die der Verbreitung der Mapuche-Kultur dienen. Diese Organisation unterscheidet sich insofern etwas von anderen, als sie sie (die Mapuche) nicht als ein Volk darstellt, das letztendlich seine angestammten Rechte wieder erreichen wird, sondern eher als ein Volk, das in einem städtischen, rassistischen Zentrum darum kämpft, sein Erbe nicht zu verlieren. Auf diese Weise unterscheidet sich ihre Form der Selbstdarstellung etwas von anderen Seiten. Dennoch nutzen sie die neue Dynamik der Positionierung weitreichend. Ihre Website ist im Moment auf Spanisch und Deutsch verfaßt, und es gibt Links, die angeben, dass sie bald auch in Französisch und Englisch zu lesen sein wird. In den Beschreibungen ihrer Projekte tauchen auch immer wieder Hinweise auf andauernde finanzielle Probleme auf, und die Surfer werden ermuntert, sie zu unterstützen. Dies zeigt, dass ihnen die neue Positionierung auf globaler Ebene als ein unterdrücktes indigenes Volk, das darum kämpft, seine Kultur zu bewahren, und die Hilfe, die sie erhalten können, sehr bewußt sind. Ein weiteres Beispiel findet sich in dem Schulprojekt der Schule “El Natre”, das sich zum Ziel gesetzt hat, “einen Teil ihrer Wurzeln, insbesondere heilende Tänze, kennenzulernen und anzueignen” (Perez 199). Für den Surfer ist deutlich zu erkennen, dass die Kinder gegenwärtig nicht unbedingt eine Mapuche-Existenz führen und dass durch Unterrichtsprojekte bewußt versucht wird, diese Elemente wieder in ihr Leben einzuführen.
Legitimität
Ich möchte hier eine weitere Dimension hinzufügen, von der ich hoffe, dass sie die vier Dynamiken, die wir bereits betrachtet haben, bereichern wird. Ich habe sie schon kurz erwähnt, es ist die Frage der Legitimität. Das Internet ist herausgestellt worden als ein Ort, wo der Fluß freier Information praktisch grenzenlos ist. Dennoch wird es zunehmend schwierig zu unterscheiden, was verläßlich ist und was nicht. Das stellt für eine Gruppe wie die Mapuche eine Problematik dar, die einen Weg finden muss, sich auf solche Weise zu präsentieren, dass sie ernst genommen wird. Elison vertritt die Meinung, dass, wenn wir eine Website suchen, “we are looking for the most official site (...), a site whose domain name ends in ‚com’ or ‚org’ or ‚gov’ and contains the name of the group or government.”(wir nach der offiziellsten Seite suchen (...), einer Seite deren Domain-Name auf ‚com’ oder ‚org’ oder ‚gov’ endet und den Namen der Gruppe oder Regierung enthält.) (2000). In dem Fall, mit dem wir uns hier befassen, gibt es keine Seite wie mapuche.com oder mapuche.org. Es gibt eine Seite, die mapuche.cl heißt (cl ist der Domain-Name für Chile). Dennoch ist diese im Vergleich zu anderen Seiten lediglich eine Seite mittlerer Größe. Ich konnte nicht herausfinden, wann die Seite gestartet wurde, aber sie wird sicher mit der Zeit auf die Größe von anderen anwachsen. Diese Seite könnte allerdings tatsächlich zu eine Verschmelzungs- und Startpunkt-Seite für an den Mapuche interessierte Surfer werden. Auf ihr fand ich zwei E-mail-Listen, Radiosendungen, die mit der Anwendung ‚real player’ abgespielt werden können, und Klänge traditioneller Mapuche-Instrumente. Diese Seite hat einen unmittelbaren Vorteil, da die meisten Leute ihre Suche nach der Präsenz der Mapuche mit URLs wie mapuche.cl beginnen werden. Andere weiter entwickelte Websites wie der Überregionale Rat der Mapuche haben kompliziertere URLs. In diesem Fall ist seine Adresse http://hometown.aol.com/mapulink/index.html, was es sehr unwahrscheinlich macht, auf dieser Seite anzukommen, wenn man nicht mit einem Link geleitet wird. Es gibt allerdings auf den meisten Mapuche-Webseiten eine Sparte Ressourcen und Links, und es gibt eine Seite ausschließlich zu dem Zweck, ein Ressourcen-Zentrum nicht nur für Mapuche-Webseiten zu sein, sondern auch für Leute, die am Thema interessiert sind, und Organisationen, die keine Website haben. Eine andere Art abgesehen von der URL, Legitimität zu gewinnen, ist es meiner Ansicht nach, Fassungen der Seite in verschiedenen Sprachen zu haben. Aus der Sicht eines Lesers zeigt das, dass es von Seiten der Betreiber beträchtliche Anstrengungen gibt, Information zur Verfügung zu stellen. Wie leicht es ist, auf der Webseite zu surfen, und wie ordentlich sie aussieht, hilft dabei, Legitimität zu gewinnen, und macht es wahrscheinlicher, dass jemand dort einige Zeit verbringt, anstatt zu einer anderen Seite weiterzugehen. Im Fall der Mapuche könnte man argumentieren, dass es ein drittes Element gibt, das bei der Frage der Legitimität eine Rolle spielt, nämlich, wer die Seite betreibt.Einige von ihnen werden von ausländischen NROen oder von im Ausland lebenden Mapuche betrieben. Dies ist bei den größten Webseiten der Fall. Der redaktionelle Kommentar von mapuche.cl wurde in Denver, USA, geschrieben. Der Überregionale Rat der Mapuche hat zwei Adressen, eine in Chile, die andere in England. Die “Rehue Foundation” ist eine niederländische NRO, die Projekte mit dem Volk der Mapuche durchführt, und das Dokumentationszentrum Ñuke Mapu wird von einem mapuche Soziologen in Schweden betrieben. Ich möchte anderen, kleineren Websites nicht die gleiche Wichtigkeit zuschreiben, in die, dessen bin ich sicher, eine Menge Arbeit geflossen ist, aber es scheint fast eine Regel zu sein, dass die größten Websites irgendwelche internationalen Verbindungen haben. Man könnte argumentieren, dass ein ernsthafter Mapuche-Forscher im Internet auf diese Details achten wird, und Seiten, die internationale Verbindungen haben, mehr Legitimität zugestehen wird. Es ist auch wichtig zu betonen, dass außer mapuche.cl alle diese Seiten zwei oder drei Sprachen einbeziehen. Miller und Slater betonen eine vierte Weise, wie eine Website Legitimität gewinnen kann, nämlich indem man einen Zähler einrichtet, der die Anzahl der Zugriffe anzeigt, die eine Seite bekommen hat, oder ein Gästebuch zu haben (2000). Dies spielt auf den Mapuche-Seiten auch eine Rolle. Ich stellte fest, dass viele Zähler haben, und eine hat ein Gästebuch. Meistens sind es große Seiten, die diese Methoden nutzen. Ich würde vermuten, dass es, insbesondere mit dem Zähler, ein zweischneidiges Schwert ist. Wenn die Zahl nicht hoch ist, verliert die Seite Legitimität, während sie mit einer großen Zahl gewinnt. Die größeren Seiten wie Ñuke Mapu hatten schon mehr als 100.000 Zugriffe, während kleinere Websites wie die persönliche Seite von Aukanaw bis dahin nur 600 Zugriffe hatten.
Die Mapuche haben sich ohne jeden Zweifel in diese technologische Revolution “Internet” eingegliedert. Ich hoffe, dass meine Analyse zum Verständnis ihrer virtuellen Existenz in ihren verschiedenen Facetten beigetragen hat. Die Grundlage der Analyse waren die Websites, und das heißt, da das Internet ein sich ständig veränderndes Medium ist, dass das, was ich heute gefunden habe, morgen nicht unbedingt da sein wird. Deswegen ermuntere ich zu weiteren Untersuchung dieses faszinierenden Themas.
Anmerkungen
1) Ich verwende die Begriffe endogam oder exogam hier nicht im Sinne von Heiratsmustern, wie es normalerweise in der Anthropologie gelehrt wird. Ich meine mit ihnen eine Praxis, die entweder an eine bestimmte Gemeinschaft oder an ein breiteres Publikum gerichtet ist.Kanada, März 2000
nsternsdorff@trentu.caLiteraturnachweis:
Ad-Malen y Kaxawaiñ
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